Berlin Marathon 2017 – Projekt Vater und Sohn

von | März 12, 2026 | Wettkampf

Ihr lest folgend einen etwas älteren Rennbericht, also nehmt bitte die Schreibweise nicht so ganz ernst, falls Gegenwart und Vergangenheit mal durcheinander kommen. Ihr werdet eine emotionale Marathon-Story erleben, die für immer in Erinnerung bleibt. P.S.: Ich trinke auch kein Bier mehr vor jedem Rennen 😉 Viel Spaß!

Berlin Marathon 2017 – Projekt Vater und Sohn – Rennbericht!

Yes – we dit it! 2017 hatte ich das große Privileg mit meinem Vater zusammen seine ersten Marathon zu laufen – und das in Berlin. Mein erster Marathon aus der passiven Pacer-Perspektive unter speziellen Umständen an einem nicht perfekten Tag war ein unvergessliches Erlebnis mit ein paar Tiefen aber sehr vielen Höhen.

Für mich war in der Vorwoche zum Marathon bewusst kein Tapering (Reduzierung der Belastung) angesagt. Ich hatte zwar durch einen Urlaub mehr Regeneration als sonst, bin allerdings auch mitten im Vorbereitungsplan für den Frankfurt-Marathon gewesen, wo ich unter drei Stunden laufen wollte. Demzufolge hatte ich am Dienstag vor dem Rennen noch einen relativ harten Tempodauerlauf und ein paar ruhigere Einheiten drumherum. Berlin sollte also für mich der coolste Longrun der Vorbereitung für Frankfurt und mein vierter Marathon werden. Aufgrund dieser Umstände habe ich mir fest vorgenommen diesen Lauf, in einem für mich langsamen Tempo, auf keinen Fall zu unterschätzen. Es ist ein Marathon – der haut rein! Es sollte zwischen vier und fünf Stunden werden – das bin ich auch noch nie zuvor am Stück gelaufen. 

Außerdem hatte ich ja die Aufgabe und Verantwortung meinen Dad zum Marathon-Finisher zu machen.

Berlin ist einfach nur gewaltig! Allein die Organisation mit Anreise, Hotel, Messe / Startunterlagen, Startbereich usw. sollte man bei einem großen Lauf nicht unterschätzen. Man sollte vorher alles genau planen und alles gedanklich schon einmal durchgehen. Man ist so nervös vorm ersten Marathon, dass jeder planbare Teil unbedingt geplant werden sollte. Wenn man die Möglichkeit hat einen erfahrenen Läufer mitzunehmen oder sich wenigstens bis zum Start an einen dranzuhängen – hilft dies ungemein. Mit „erfahren“ meine ich an dieser Stelle jemanden, der schon öfter die Distanz gelaufen ist und im Idealfall auch die Location kennt.

Die Anreise im Auto war mit guten zwei Stunden sehr angenehm. Samstagmittag waren wir in Berlin und hatten das große Glück ein Hotel genau neben der Laufmesse zu ergattern. Mein Dad war gewohnt redselig aber das sollte sich am Sonntag noch ändern. Wir sind im Auto theoretisch alles nochmal durchgegangen und haben uns nach dem Hotel-Checkin direkt auf die Laufmesse gemacht. Nachdem wir unsere Startnummer hatten ging es einmal durch die Messehalle. Dort wollte ich meinem Vater noch jemanden vorstellen. Ich wusste, dass der Mann unserer damaligen Coachin Sonja von Opel wie gewohnt mit seiner Crew von Runners-World einen Stand auf der Messe hat. Ich durfte Martin Grüning, einen ehemaligen Top-Läufer und damals Chefredakteur der Runner´s Wolrd Deutschland schon beim Hamburg-Marathon im Frühjahr kennenlernen. Ich habe ihn meinem Dad vorgestellt und Martin hat uns viel Glück gewünscht – das war nochmal ein cooler Motivationskick. Witzig fand ich ja seinen (nicht ganz ernst gemeinten Spruch): „Hey, du hast mich doch in Hamburg auf der Strecke abgehängt!“ – echt ein angenehmer Mensch!

Anschließend gab es noch ein paar Kohlenhydrate und im Hotel-Bistro das BVB-Spiel im TV zum runterkommen (6:1 gewonnen, ein gutes Omen!). Gegen die Aufregung gönn ich mir am Vorabend eines großen Laufes immer EIN Glas Bier, diesmal war ein Gin-Tonic – das schmeckt aber auch! Obwohl wir sehr zeitig im Bett waren konnte ich absolut nicht einschlafen. Nach nicht einmal sechs Stunden Schlaf klingelte der Wecker – es gab Frühstück und gegen 8 Uhr waren wir am Brandenburger Tor. Allein der Weg zum Start ist unglaublich – so viele Menschen, die alle Großes vorhaben, die Motivation kann man quasi riechen und dann diese krasse Kulisse am Brandenburger Tor – einfach geil. Ich wusste ja schon ein bisl wie das alles abgeht in Berlin: rein in den Läuferbereich, Kleiderbeutel abgeben, nochmal alles wegschaffen auf Toilette was geht und dann ab zum Start. Die Stimmung vorm Start ist ebenfalls unfassbar. Besonders cool war die Begrüßung der isländischen Läufer mit einem mehrfach „HU“ durch die ganze Startaufstellung – Gänsehaut! Das Wetter war nicht optimal, etwas regnerisch aber besser als zu warm – immer positiv denken!

In Welle 3 ging es für uns um circa 10.10 Uhr endlich auf die Strecke – noch war mein Vater gesprächig. Die ersten 10km waren wir gut um Plan. Wir hatten in Absprache mit Coachin Sonja vom Opel Running Team eine glatte 6:00er Pace pro Kilomater angepeilt was auf eine Zielzeit von knapp unter 4 Stunden und 15 Minuten rauslaufen könnten – ambitioniert aber machbar. Relativ schnell haben wir gemerkt, dass heute nicht alles optimal lief – bis Kilometer 10 hatten wir schon ne gute Minute eingebüßt. Das ist der Punkt, an dem jeder Läufer früher oder später kommen wird: Du merkst, dass du heute nicht soviel drauf hast wie sonst. Na und? Du hast monatelang trainiert für diesen Tag, hast sehr viel investiert, auf viel verzichtet – jetzt heißt es, erst recht beim ersten Lauf über eine neue Distanz, genießen und durchbeißen mit dem, was du heute zu bieten hast! 

Das Schöne am ersten Lauf über eine neue Distanz: Egal wann du ins Ziel kommst, es wird eine Bestzeit! Nun waren meine Motivations-Fähigkeiten gefragt, denn mein Dad wurde immer ruhiger. Ich muss ehrlich sagen, er sah zwischen Kilometer 10 und 20 nicht gut aus. Ich habe an den Verpflegungsstellen immer Wasser für uns beide geholt, unsere Gels hatten wir am Mann. Die Pace haben wir vorsichtig rausgenommen ohne zu langsam zu werden. Ich wusste nämlich auch: Werden wir zu langsam, wird es hinten raus auch enorm schwer, weil man einfach nicht ankommt. Vorsichtig dachte ich an eine neue Zielzeit von circa. 4:30:00. – das sollte heute machbar sein!

Kilometer 20 war geschafft, da hatte ich das erste Mal den Eindruck, dass es wieder besser läuft. Wir sind zwar etwas langsamer geworden, dafür aber auch optimistischer. Der Halbmarathon ist geschafft, ab jetzt wird es weniger. Mein Dad war immernoch sehr still aber ich fragte regelmäßig ob es ihm gut geht, was er immer bejahen konnte. Zu diesem Zeitpunkt im Rennen sieht man schon Läufer mit Krämpfen erschöpft am Streckenrand oder gehend an der Seite – wie wollen die jeweils ankommen? Nicht mit uns! Wir machen das Stück für Stück in dem Tempo, welches wir jetzt gefunden haben – um die 6:10-6:20/km. Ich habe versucht etwas Stimmung zu verbreiten, was ja auch in Berlin ganz gut geht – überall ist Musik und fast jedem Meter der Strecke tolle Zuschauer, die deinen Namen rufen, weil sie ihn auf der Startnummer lesen. Man sieht so viel Nationen begeistert von Berlin, da steigt direkt die Vorfreude auf den ersten Auslands-Marathon.

Ich checke ab und zu mein Handy, weil ich weiß, dass unsere Laufcrew, die Running Rabbits, zuhause mitfiebern. Sie posten immermal Zwischenzeiten und Motivation, dafür schicke ich ein kleines Live-Video von der Strecke. Ein weiteres Rabbit ist unterwegs in Berlin – Kathrin haben wir ganz kurz bei Kilometer 10 gesehen – sie dann aber hinter uns gelassen. Bei Kilometer 28 ein wichtiger Motivationspunkt: Jetzt noch 14 Kilometer, einmal die Hausrunde um den Süßen See in Seeburg – das schaffen wir! So basteln wir uns Kilometer für Kilometer eine mentale Brücke: Noch einen 10km-Lauf, noch eine Rabbits-Runde (wir laufen dienstags meist zwischen 6 und 8 km), noch einmal durchs Heimatdorf (circa 5km) usw.. Die Stimmung wird immer lauter. Noch fünf, noch vier, der Potsdamer Platz – wahnsinn was hier los ist. Noch ein paar Kurven bis zur Zielgerade. Mein Dad ist immer noch ungewöhnlich ruhig, aber voll konzentriert – ab und zu sehe ich ein Lächeln und versuche immer weiter zu motivieren. Die Pace ist nochmal ein ganzes Stück langsamer geworden und jetzt bei 6:30 – 6:50/km – aber der Puls passt – gleich geschafft! Wir biegen auf die Zielgerade ein und sehen das Brandenburger Tor – noch ein guter Kilometer. Die Meter vor und hinter dem Tor sind mit Worten nicht zu beschreiben – das muss man erlebt haben. Emotionen ohne Ende machten sich breit, denn man weiß, dass jetzt eigentlich nicht mehr passieren kann. Die Zuschauer sind so unglaublich laut und man muss einfach nur grinsen. Der Moment durch das Tor fühlt sich irgendwie wie ein Ritterschlag für Läufer an: Sir Running Rabbit – erhebe dich als stolzer Marathon-Finisher! Die letzten 300m hinter dem Tor bis zum Zielbogen sind wie ein kleiner Film. Witzigerweise läuft über die Anlage „Sing mein Sachse sing“ – ein Kultlied aus dem Osten – ab jetzt werden wir immer an unseren Lauf in Berlin denken wenn dieser Song irgendwo läuft. 

Die letzten hundert Meter gehen wir Arm in Arm – drei-zwei-eins – geschafft – Berlin-Marathon-Finisher 2017 – Jochen und Marcus Conrad.

Es ist schwierig zu beschrieben wann man realisiert was man da eigentlich geleistet hat. Sicherlich geht es da jedem Einzelnen auch etwas anders. Ich glaube es passiert oft erst zwei, drei Tage später oder eine Woche nach dem Zieleinlauf. Trotzdem sind die Minuten danach einzigartig, überall liegen sich Menschen in den Armen, man bekommt die so hart verdiente Medaillie und ist einfach froh angekommen zu sein. Wir sind so stolz auf uns beide! Die Endzeit ist letztendlich knapp über 4:30:00 – das ist der Hammer und aufgrund der Umstände das Optimale was möglich war. Unser unterwegs angepasster Plan ging auf.

Nach der Zielverpflegung konnten wir im noch im Hotel duschen und entspannt nachhause fahren. Nun war auch etwas Zeit auf die vielen positiven Nachrichten und Glückwünsche zu reagieren, die mittlerweile da waren. Vorallem die whatsapp-Gruppe der Rabbits platzte aus allen Nähten. Viele haben die Übertragung im TV verfolgt und uns die Daumen gedrückt. Das macht den Geist einer Sportgruppe aus – man freut sich auch für die Anderen und das mindestens genauso sehr wie über die eigenen Erfolge. Auch Kathrin ist in knapp über 5 Stunden ist Ziel gekommen – Hut ab, ebenfalls eine starke Leistung! Vom Opel-Running-Team gab es auch zahlreiche Glückwünsche allen voran von unserer Coachin Sonja. Wir werden wieder 2018 im Laufcamp sein, mit dem feinen Unterschied, dass wir nun beide Marathonis sind. 

Wie soll man nun diese Masse an Eindrücken zusammenfassen? Für mich war es ja nebenbei mit fast einer Stunde mehr als bei meinem Marathon-Debut vor 2 Jahren der mit Abstand längste Lauf am Stück bisher. Das war gar nicht mal so selbstverständlich und ich bin froh, dass ich es mitten aus dem Training heraus geschafft habe relativ locker zu bleiben und meinen Dad unterstützen konnte so ein tolles Erlebnis zu haben. Das kann uns keiner mehr nehmen: Vater und Sohn laufen den Berlin-Marathon. Am Folgetag konnte mein Dad nun stolz seine Medaillie mit ins Büro nehmen. Dort gab es nochmal viele Glückwünsche der Kollegen für unser tolles Finish in Berlin. Für mich persönlich wird dies immer einmalig bleiben ganz egal wie schnell weit und hoch ich noch flitzen werde. 

P.S.: 2017 war mein Dad 59 Jahre alt und es sollte nicht unser letzter Vater-Sohn-Marathon bleiben. Was ihr als Leser gern mitnehmen dürft: 1. Es ist nie zu spät ein großes Ziel anzugehen und anzukommen. 2. Erlebnis vor Ergebnis: Nicht die Zeit macht den Tag, sondern das Drumherum. 3. Gemeinsam wachsen Flügel, wo wir allein vielleicht im Boden versinken. 4. Berlin ist einfach Berlin. 5. Laufen macht glücklich. Danke fürs Lesen!


Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner